„Armut hat ein spezifisches Kindergesicht“ – Fachtag von CARDEA 2.0 zeigt: An vielen Stellschrauben muss gedreht werden

KinderarmutErfurt, 21. September 2017.  „Armut hat ein spezifisches Kindergesicht“. Susanne Borkowski sagt das, die Geschäftsführerin des Vereins KinderStärken e.V. Und dieses Gesicht hat viele Facetten. Arme Kinder leben in beengten Wohnverhältnissen, können kaum in Urlaub fahren, können ihre Freunde nicht nach Hause zum Essen einladen, haben teilweise keine ausreichende Kleidung wie beispielsweise im Winter und leiden auch gesundheitlich. All das kam bei einem Fachtag des ESF-geförderten Projektes Cardea 2.0 zum Thema Kinderarmut und ihre gesundheitlichen Folgen zur Sprache.

„Jedes Kind hat das Recht, gesund aufzuwachsen, unabhängig von seiner Herkunft“, so Thüringens Sozialministerin Heike Werner. Und 50.000 Kinder, die in Thüringen an oder unterhalb der Armutsschwelle leben, seien 50.000 Kinder zu viel, so die Ministerin.

Die Langzeiterhebung einer bundesweiten Studie über Kindergesundheit stellt fest, dass es Unterschiede in der Gesundheit entsprechend des sozialen Status gibt. Das zeigt sich beispielsweise in sprachlichen und motorischen Entwicklungsverzögerungen und psychischen Störungen. Aber auch verhaltensbezogene Risiken wie Bewegungsmangel, Rauchen, Übergewicht oder Alkoholkonsum sind bei Kindern und Jugendlichen mit einem niedrigen Sozialstatus stärker verbreitet.

Diese vielfältige Benachteiligung der armen Kinder  hat auch mit den vielschichtigen Problemlagen zu tun, in denen sich häufig deren  Eltern befinden. Alkoholabhängigkeit, Spielsucht, Depression und Gewalterfahrungen sind dabei nur einige Beispiele von Belastungen, denen die Kinder und Jugendlichen ausgesetzt sind.  Ein bewegendes Video zu Beginn des Fachtages zeigte das eindrucksvoll auf.

„Aktionen gegen Kinderarmut sind kein Akt der Gnade sondern in der UN-Kinderrechtskonvention verankert“, machte Susanne Borkowski deutlich. Für sie ist es wichtig, dass durch präventive Maßnahmen die Armutsspirale durchbrochen wird. Sie forderte mehr Armutssensibilität – und das fängt nach ihrer Einschätzung schon in der Kita an. „Es läuft mir eiskalt den Rücken runter, wenn Kinder in den Kitas nach Ostern beispielsweise erzählen sollen, wo sie denn in den Osterferien waren und welche Geschenke sie bekommen haben.“

Das Bilden von Präventionsketten und die Überwindung bürokratischer Zuständigkeiten sind für Borkowski ein weiterer Baustein, wenn es darum geht, etwas gegen die Kinderarmut zu unternehmen. „Die Frage, was braucht das Kind, damit es dem Kind gut geht, muss im Mittelpunkt aller Bemühungen stehen.“ Das beste Beispiel für eine gelingende Prävention sei die Stadt Dormagen, die früher einmal bundesweit das Schlusslicht in Sachen Kinderarmut gewesen sei.  Dort habe man das Thema entschieden in Angriff genommen und bürokratische Mauern eingerissen. 

Wirksamer Hilfe stehen oft  die vielen Seiten Antragsformulare, die auszufüllen sind und Eltern überfordern sowie die vielen Ämter, an die man sich wenden muss, im Wege. Das berichtete auch eine Betroffene aus Weimar in der Runde, die oft vor den zahlreichen unterschiedlichen Anträgen kapitulierte.

Armut ist  in Thüringen kein vereinzeltes Phänomen, sondern weiter verbreitet als man gemeinhin denkt. Etwa 407.000 Thüringerinnen und Thüringer gelten als arm, 48.000 Kinder und Jugendliche leben in Familien, die Grundsicherungsleistungen erhalten. Die Armutsquote von Kindern ist in Städten wie Gera, Erfurt oder Eisenach besonders hoch.

Wie man Barrieren überwindet und Betroffene erreicht, zeigt an diesem Tag beispielhaft das Projekt „Shakehands“ der Deutschen Soccerliga.  Zielgruppe waren langzeitarbeitslose Mütter mit ihren Kindern. Gemeinsamer Sport sollte Mütter und Kinder wieder enger zusammenbringen, es sollten Kraftquellen in Schule und Familienalltag sichtbar gemacht werden, die Mutter-Kind-Beziehung sollte wieder gestärkt werden. Das Ergebnis des zweitägigen Projekts kann sich sehen lassen. Die meisten Teilnehmenden fühlten sich nach dem Projekt motiviert und schätzten die Inhalte als hilfreich für ihren Alltag ein.

Bei einer erfolgreichen Armutsprävention müssen drei Dinge miteinander verzahnt werden: direkte Maßnahmen für das Kind, indirekte Maßnahmen für Eltern und Familie sowie indirekte Maßnahmen für Umfeld und Sozialraum. Und dabei kommen viele Dinge zusammen: die Versorgung mit Kita-Plätzen, die Öffnungszeiten von Kitas, der öffentliche Personennahverkehr, der Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung, die Luftqualität und vieles andere mehr.

Es gibt viele Stellschrauben, an denen gedreht werden muss. Dazu zählt auch, dass die Nachbetreuung von Familien, die im Rahmen der Tizian-Projekte betreut werden, abgesichert werden sollte. Sozialministerin Heike Werner nahm das als Wunsch der Tagungsteilnehmerinnen und –teilnehmer mit. „Nur gemeinsam können wir Strategien entwickeln, um allen Kindern die bestmöglichen Chancen auf Gesundheit und Wohlbefinden zu bieten“, sagte Werner. Und erntete dafür auch die einhellige Zustimmung derjenigen, die sich einen Tag lang mit dem Thema Kindergesundheit befasst hatten. „Armut und Kinderarmut sind und bleiben für den Paritätischen ein bedeutsames Thema“, versicherte die Projektleiterin von Cardea 2.0, Renate Rupp.

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